Interview: „Sicher kann sich momentan keiner fühlen“

Mitte Januar 2021 wurde der Investorenprozess der Ortrander Eisenhütte GmbH erfolgreich abgeschlossen und das Unternehmen kann wieder hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.

ERSTELLT AM 4. Februar 2021

Anlass genug mit Thomas Hofmann und Werner Warthorst über dieses Verfahren, aber auch die Gießereibranche generell und deren Entwicklung zu sprechen.

1. Ihre Teams haben gemeinsam das Projekt Ortrander betreut? Was waren konkret Ihre Aufgabe?

Werner Warthorst: Wir haben in Abstimmung mit dem Insolvenzverwalter den Investorenprozess begleitet und mit zahlreichen nationalen und internationalen Investoren intensive Gespräche geführt. Am Ende überzeugte eine Fortführungslösung, wodurch die Ortrander Eisenhütte in Familienhand weitergeführt wird und alle 280 Arbeitsplätze erhalten bleiben.

Thomas Hofmann: Das ist wirklich ein tolles Ergebnis. Wir haben die Stärken sowie Schwächen der Ortrander Eisenhütte und Quick Wins zur Ertragsverbesserung herausgearbeitet.

Werner Warthorst: Diese Erkenntnisse waren ein wichtiger Bestandteil unserer Sanierungsskizze. Diese war enorm hilfreich für die Gespräche mit den Interessenten, da wir ihnen so eine Idee vermitteln konnten, welches Potential das Unternehmen hat und wo mögliche Stellschrauben sind. Diese Idee ist aber nur dann für Investoren glaubwürdig, wenn ein Gießerei-Experte wie Herr Hofmann sie mit seinen Erkenntnissen untermauert. Er kann nicht nur die Situation beurteilen, sondern könnte einem Investor bei der Umsetzung helfen.

2. Was war das Besondere an der Ortrander Eisenhütte?

Werner Warthorst: Ganz klar die äußeren Umstände. Wir mussten mit einer mehrfach krisenbehafteten Situation umgehen. Zum grundsätzlichen Konsolidierungsdruck in der Gießereibranche und der Krise in der Automobilindustrie inklusive dem damit einhergehenden Druck zur Wandlung kam die COVID-19-Pandemie. Es trafen also drei besondere Situationen aufeinander. Das ist auch für uns als Krisenexperten nicht alltäglich. Dass wir in dieser Situation einen Investor finden konnten, ist daher mehr als erfreulich.

3. Lassen wir die COVID-19-Pandemie doch einmal außen vor: Ist die Ortrander Eisenhütte zukunftsfähig?

Thomas Hofmann: Vor Ort habe ich eine stark eingespielte Mannschaft kennengelernt, die sich mit dem Standort identifiziert. Flache Hierarchien geben dem gut ausgebildeten Fachpersonal Gestaltungsmöglichkeiten. Sie dürften also dem Werk trotz besserer Verdienstmöglichkeiten außerhalb der Region treu bleiben. Das ist schon einmal ein wichtiger Faktor für die Zukunftsfähigkeit. Des Weiteren hat das Werk neben der Automobilindustrie noch zwei weitere Standbeine: Zum einen die Herstellung von Gussteilen für hochwertige Heizöfen im Wohnbereich. Das passt sehr gut zum Trend der eigenen vier Wände, in denen sich viele Eigenheimbesitzen solche Schwedenöfen einbauen lassen. Zum anderen werden Gussteile für den Bereich Infrastruktur produziert. Die eine oder andere Investition ist aber sicherlich noch von Nöten, wird aber dann auch nachhaltig zur Ertragsverbesserung beitragen.

4. Herr Hofmann, Sie haben lange in der Gießereiindustrie in unterschiedlichen verantwortungsvollen Positionen gearbeitet. Was sind die maßgeblichen Veränderungen gegenüber dem Beginn Ihres Berufslebens?

Thomas Hofmann: Vereinfacht gesagt gab es zu Beginn der 90er Jahre noch eine Daseinsberechtigung sowohl für Klein- als auch Mittel- und Großunternehmen. Das hat sich aber in der Branche mit dem Hauptkunden Fahrzeugbau massiv geändert. Gab es früher noch Prototypen- und Serienfertigung in unterschiedlichen Volumina, ist heute durch eine Gleichteilestrategie für viele Betriebe ausschließlich noch hochautomatisierte, sprich investitionsintensive Großserienfertigung von Interesse.

5. Ist dies das Aus für die kleineren Gießereien?

Thomas Hofmann: Nein, aber die Vielzahl der kleinen Gießereien in Deutschland ist noch zu hoch. Es werden nur noch wenige kleine Gießereien überleben und auch bei den mittleren und großen Gießereien findet eine weitere Konsolidierung statt.

Werner Warthorst: Das zeigen auch die nackten Zahlen. Allein in den letzten drei Jahren hat es rund 30 Insolvenzen von Gießereien in Deutschland gegeben. Dabei hat es aber auch größere Unternehmen mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz getroffen. Und die Tendenz nimmt zu. Die Branche befindet sich in einem schweren Fahrwasser aufgrund des technologischen Wandels. Dabei spielen auch Themen wie erneuerbare Energien und die Notwendigkeit, die Produktion ins Ausland zu verlagern, um dort von niedrigen Lohnkosten zu profitieren, eine Rolle.

6. Wie können kleine, oft traditionsreiche und familiengeführte Gießereien überleben?

Thomas Hofmann: Sie müssen sich künftig auf die Herstellung von Teilen für Luxusmarken sowie von Ersatzteilen und den Classic Car Bereich oder Non-Automotive konzentrieren. Hier helfen nur Alleinstellungsmerkmale mit extrem schlanken Strukturen und einem hohen Grad an Flexibilität und Fertigungstiefe. Die Möglichkeiten mit 3D-Druckern engen lukrative Handlungsfelder mit Prototypengeschäft zusätzlich ein. Eine Erfolgskomponente wird das Thema Fachpersonal werden. Auch kleine Gießereien benötigen Experten-Know-how für ihre Entwicklung und Produktion. Der Fachkräftemangel und die weit verbreitete Inakzeptanz der kommenden Generationen eines lauten und schmutzigen Arbeitsplatzes im Vergleich zu bequemeren Bürotätigkeiten erschwert dies zusehends. Hier hilft es sicherlich, den Menschen als Individuum mit gebührender persönlicher Wertschätzung in den Mittelpunkt zu stellen.

Werner Warthorst: Das Stichwort Nischenproduktion trifft es sehr gut. Außerdem kann es erfolgsentscheidend sein, sich von der Automobilindustrie unabhängig zu machen. In anderen Branchen sind die Preise zum Teil noch nicht so stark unter Druck oder der internationale Wettbewerb nicht so stark.

7. Das geht aber nicht von heute auf morgen…

Werner Warthorst: Nein, natürlich nicht. Zunächst müssen sich die Gießereien ihr bestehendes Geschäft anschauen, zum Beispiel die Preisgestaltung detailliert überprüfen. Für alle bestehenden Prozesse und Abläufe muss Transparenz geschaffen werden. Danach muss das Geschäftsmodell kritisch hinterfragt werden: Passt es noch, muss es adjustiert oder sogar umgestellt werden. Und welche finanziellen Mittel sind für welche Maßnahmen erforderlich bzw. können diese Mittel von den bestehenden oder neuen Finanzierungspartner eingeworben werden? Wie im Fall Ortrander kann der Weg einer Restrukturierung auch durch ein Insolvenzverfahren sinnvoll sein. Dort können dann im Rahmen eines Investorenprozesses Mittel für die Restrukturierung eingeworben werden.

8. Und was ist mit den großen Gießereien? Können sich diese wenigstens sicher fühlen und ihre Werke in Zentraleuropa halten und kosteneffizient produzieren?

Thomas Hofmann: Nein, sicher kann sich momentan keiner fühlen. Mit der Umstellung auf alternative Antriebe wird immer weniger Guss benötigt. Ferner zwingt der Kostendruck zur Produktion in low-cost-countries bzw. nah an den OEM-Werken. Auch kurzfristige Marktbewegungen wie durch den „Diesel-Skandal“ trieben hoch automatisierte Werke mit Dieselmotorblöcken in Kurzarbeit, dagegen wurden Werke, die auf Benzinmotorblöcke spezialisiert sind, zu Wochenendarbeit gezwungen. Beides fördert keinesfalls Kosteneffizienz.

9. Lassen Sie uns doch einmal in die Zukunft der Gießereibranche schauen. Was denken Sie, erwartet uns in 2021 oder in den nächsten Jahren?

Thomas Hofmann: Aus meiner Sicht ist der Mix von Werken in Europa/Amerika und Asien gepaart mit der Flexibilität zwischen den Standorten momentan der beste Ansatz. Und wir werden bei den großen Gießereien weitere Konsolidierungsbewegungen sehen. Denn um den Anforderungen der Kunden – vor allem der OEMs – gerecht zu werden, ist aus meiner Sicht eine Umsatzgröße größer 100 Millionen Euro anzustreben.

Werner Warthorst: Das sehe ich genauso. Und auf der anderen Seite werden wir – neben den großen Gießereien – weiter die Spezialisierung und die Nischenproduktion der kleineren Gießereien erleben. Für die mittelständischen Gießereiunternehmen wird es dagegen schwer werden. Sie sind zu groß für die Nische und zu klein und damit zu uninteressant für die OEMs.

Vielen Dank für das Gespräch.

Über die Interviewpartner

Thomas Hofmann aus Landshut bei München ist gelernter Maschinenbauingenieur. Seine über 25 Jahre Berufserfahrung hat er überwiegend als Werksleiter/Geschäftsführer in der Automobilzulieferindustrie gesammelt. Vor einigen Jahren machte er sich im Restrukturierungsbereich selbstständig. Seit Beginn 2020 ist er gemeinsam mit Markus Langguth Inhaber der Beratungsgesellschaft CONFER-SI GmbH in Köln.

Werner Warthorst ist Geschäftsführer der Unternehmensberatung Restrukturierungspartner und verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrungen im Transaktionsgeschäft. Zunächst war er einige Jahre in der Wirtschaftsprüfung und im Private-Equity-Geschäft, danach als M&A-Berater für mittelständische Unternehmen tätig. Er hat zahlreiche Unternehmen bei Unternehmenskäufen und -verkäufen erfolgreich beraten.

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