Das Berliner Restrukturierungsforum widmete sich am 28. November 2019 dem interessanten Thema „Wer finanziert morgen den Mittelstand? – Bestandsaufnahme und Ausblick“. Rund 80 Gäste verfolgten die gelungene Diskussion auf dem Podium um die aktuellen Möglichkeiten in der Mittelstandsfinanzierung. Das Podium war sich einig, dass die Digitalisierung aus der Mittelstandsfinanzierung nicht mehr wegzudenken ist, aber der menschliche Faktor in den Geschäftsbeziehungen weiterhin eine zentrale Rolle spielt.

Nach den einleitenden Worten von Christian Otto (hww hermann wienberg wilhelm) gab Dr. Daniel Bartsch (Gründungspartner und Vorstand, creditshelf AG) einen Überblick über Alternativen in der Mittelstandsfinanzierung. Bartsch berichtete, dass FinTech-Unternehmen mit Hilfe der zunehmenden Digitalisierung Mittelständlern ermöglichen, innerhalb von 48 Stunden eine Grundsatzentscheidung bezüglich ihres Kredits zu geben. Mit dieser Geschwindigkeit könnten Banken aktuell noch nicht mithalten. Im Rahmen einer umfangreichen Finanzanalyse, für die als Input, neben öffentlich verfügbaren Informationen, insbesondere Buchungsdaten des Unternehmens und Expertenwissen einfließen, werden umfangreiche Finanzinformationen, Prognosen der Umsatzentwicklung und Entwicklung der Liquidität für die mittelständischen Unternehmen ermittelt. Vor allem in Wachstumssituationen könnten FinTech-Unternehmen ihren Kunden schnelle Lösungen anbieten. „Bei aller Geschwindigkeit, die uns die Digitalisierung ermöglicht, bleibt der menschliche Faktor in der Finanzierung allerdings weiterhin essentieller Bestandteil“, stellte Bartsch klar.

Die anschließende Podiumsdiskussion wurde von Burkhard Jung (Restrukturierungspartner) moderiert. Raphael Kube (Abteilungsleiter Kundenberatung Wirtschaftsförderung, Investitionsbank Berlin) stand zu Beginn der Diskussion für die Banken ein, indem er klarstellte, dass die Bereitstellung von Kapital nicht nur von den Finanzierern abhänge, sondern in erster Linie auch von der Bereitstellung von Unterlagen durch die mittelständischen Kunden. Dies könne einen oder auch sechs Monate dauern. „Allein deshalb können Banken oft nicht mit der Geschwindigkeit von FinTech-Unternehmen mithalten“, machte Kube deutlich. Als Alternativen für mittelständische Unternehmen mit mäßigem Rating nannte Kube Leasing, Eigenmittel, aber auch die Finanzierung durch die Hausbank. Die Frage, ob es zukünftig ein Amazon der Finanzierung gebe, konnte Kube nur schwer bejahen, da einschlägige Plattformen dieser Art derzeit noch zu defizitär seien.

Oliver Oreskowitz (Senior Manager, EMEIA Financial Services, Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft) berichtete, dass Banken sehr hohe regulatorische Anforderungen erfüllen müssten und sich daher tendenziell auf die risikoärmeren Segmente fokussierten. Er betonte: „Banken sind jedoch in Summe nicht auf dem Rückzug, sondern befinden sich in einem wettbewerbsintensiven Umfeld, welches sich insbesondere durch die Digitalisierung im klassischen KMU-Bereich verändern wird“. Dadurch ergäben sich neue Vertriebswege und Produkte, die durch zusätzliche Services ergänzt würden. Damit ein Mittelständler finanzierungsfähig bleibe, müsse er nach Meinung von Oreskowitz auch auf die Qualität des eigenen Finanzwesens achten, um den Kreditentscheidungsprozess optimal zu unterstützen.

Nach Einschätzung von Carl-Jan von der Goltz (geschäftsführender Gesellschafter, Maturus Finance GmbH) würden Banken zwar auch in Zukunft Mittelstandsfinanzierung anbieten, aber mit großer Zurückhaltung in schwierigen Unternehmenssituationen. In diesem Segment sieht er vor allem eine wachsende Bedeutung von alternativen Finanzierungspartnern wie Debt Fonds, Asset-Finanzierern und Investoren. Aber auch grundsätzlich hält von der Goltz die Banken für nicht mehr so verlässliche Partner in der Mittelstandsfinanzierung wie noch vor einigen Jahren. Die Rolle als klassische Hausbank habe ausgedient und viele der Institute verhielten sich im Rahmen von Kreditentscheidungen eher risikoavers, würden wenig Kreativität an den Tag legen und zunehmend behäbig agieren. Auf diese Art und Weise ließen sich Banken zusehends die „Butter vom Brot“ nehmen und versteckten sich bei Absagen von herausfordernden Finanzierungsstrukturen auch gerne einmal hinter dem Argument der tatsächlich überbordenden Regulierung. Im Hinblick auf die auch in der Finanzierungslandschaft zunehmende Digitalisierung war er der Meinung, dass bei den Online-Finanzierungsplattformen vor allem die Geschäftsanbahnung digital stattfinden, für die Kreditentscheidung jedoch auch in Zukunft der persönliche Kontakt entscheidend sein werde. Der grundsätzliche Rat des Finanzierungsexperten an mittelständische Unternehmen lautete: Offen für die vielfältigen, alternativen Finanzierungsmöglichkeiten zu sein, diese jedoch auch kritisch zu hinterfragen.

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Das Berliner Restrukturierungsforum ist eine Plattform für Experten der Branche und wird von Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, GÖRG Rechtsanwälte Partnerschaft mbB, hww hermann wienberg wilhelm und Restrukturierungspartner veranstaltet. Es bringt zweimal pro Jahr alle an der Sanierung eines Unternehmens Beteiligten zusammen. Hochrangige Gäste stellen aus verschiedenen Blickwinkeln ein aktuelles Thema vor und teilen ihr Expertenwissen in der Diskussion mit den Gästen. Mehr unter: www.berliner-restrukturierungsforum.de. Die nächste Veranstaltung findet im Frühjahr 2020 statt.